Beitragsbild: mit KI erstellt (Symbolbild)
Die Vorstellung, ohne Russisch komme man in der bemannten Raumfahrt nicht weit, stammt aus der Zeit, als die Sojus-Kapsel das einzige Transportmittel zur Internationalen Raumstation war. Sie trifft so nicht mehr zu. Die ESA formuliert in ihren Antworten zur astronautischen Raumfahrt klar: Bewerberinnen und Bewerber müssen Englisch in Wort und Schrift beherrschen, „Russischkenntnisse sind von Vorteil, aber keine Voraussetzung“ – unterrichtet wird Russisch während der Ausbildung. Dieser Beitrag ordnet ein, welche Rolle die Sprache im ISS-Betrieb tatsächlich spielt und was sich seit 2020 verändert hat.
Warum Russisch überhaupt zur Astronautenausbildung gehört
Die ISS besteht aus zwei Betriebssegmenten: dem US-amerikanischen, an dem auch die europäischen und japanischen Module hängen, und dem russischen. Beide werden von unterschiedlichen Kontrollzentren betreut – Houston auf der einen, das Zentrum in Koroljow bei Moskau auf der anderen Seite. Bordunterlagen, Beschriftungen und Sicherheitsprozeduren des russischen Segments sind auf Russisch verfasst, und die Kommunikation mit der russischen Bodenstation läuft in dieser Sprache. Deshalb sind Englisch und Russisch die beiden Arbeitssprachen an Bord.
Für Besatzungsmitglieder bedeutet das: Wer im russischen Segment Systeme bedienen oder im Notfall reagieren muss, braucht dafür ausreichende Sprachkenntnisse. Diese werden im Training aufgebaut, unter anderem im Sternenstädtchen bei Moskau. Grundlagen der russischen Grammatik gehören damit zum Ausbildungsplan – nicht zur Bewerbungsvoraussetzung.
Was sich seit 2020 geändert hat
Mit dem Ende des Space-Shuttle-Programms 2011 war die Sojus für neun Jahre das einzige Fahrzeug, das Besatzungen zur ISS bringen konnte. Seit dem ersten operationellen Flug der Crew Dragon im November 2020 gibt es wieder einen zweiten Zugang. Europäische Astronautinnen und Astronauten fliegen seither regelmäßig mit diesem Fahrzeug: Matthias Maurer startete im November 2021 zur Mission Cosmic Kiss, Andreas Mogensen 2023 als Kommandant seines Crew-Dragon-Fluges.
Die russische Sprache bleibt trotzdem im Ausbildungsplan, und zwar aus einem konkreten Grund: Seit 2022 tauschen NASA und Roskosmos Sitzplätze. Bei jedem Crew-Dragon-Flug fliegt ein Kosmonaut mit, bei jedem Sojus-Flug ein NASA-Besatzungsmitglied. So ist auf beiden Segmenten der Station immer geschultes Personal, auch wenn ein Fahrzeugtyp längere Zeit am Boden bleiben muss. Solange die ISS in dieser Konstellation betrieben wird, gehört Russisch zur Grundausstattung einer Langzeitbesatzung.
Gleichzeitig hat sich die Zusammenarbeit in anderen Projekten verändert. Der ESA-Marsrover Rosalind Franklin, ursprünglich als gemeinsames Vorhaben mit Roskosmos geplant, wird ohne diesen Partner umgesetzt; die ESA nennt inzwischen 2028 als Startziel. Für angehende Raumfahrerinnen und Raumfahrer heißt das: Russisch ist eine von mehreren Anforderungen, aber keine Weichenstellung für die Karriere.
Was die ESA tatsächlich verlangt
Die Auswahlkriterien der Europäischen Weltraumorganisation sind öffentlich dokumentiert. Die folgende Übersicht fasst zusammen, was die ESA in ihren Fragen und Antworten zur astronautischen Raumfahrt nennt.
| Kriterium | Anforderung der ESA |
|---|---|
| Studium | Abschluss in Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften oder Medizin |
| Berufserfahrung | Mindestens drei Jahre einschlägige Praxis oder entsprechende Flugstunden |
| Englisch | Voraussetzung, in Wort und Schrift |
| Russisch | Von Vorteil, keine Voraussetzung – Unterricht erfolgt in der Ausbildung |
| Alter | Höchstgrenze von 50 Jahren bei der Auswahl |
Ein Abschluss in Luft- und Raumfahrttechnik ist ausdrücklich nicht erforderlich. Physik, Biologie, Chemie, Mathematik, Maschinenbau, Elektrotechnik und Medizin sind gleichermaßen anschlussfähig – der Zugang führt also über ein reguläres MINT-Studium und nicht über einen Sonderweg.
Der Ablauf der Ausbildung
Nach der Auswahl folgt eine mehrjährige Ausbildung in drei Phasen: Grundausbildung, Aufbauausbildung und missionsspezifisches Training, jede Phase mit etwa einem Jahr veranschlagt. Die ESA weist darauf hin, dass Astronautinnen und Astronauten rund die Hälfte ihrer beruflichen Laufbahn in Ausbildung verbringen. Neben Sprachunterricht stehen Systemkunde, Robotik, Außenbordeinsätze im Wasserbecken, Überlebenstraining sowie medizinische und psychologische Untersuchungen auf dem Plan.

Deutsche Raumfahrer und ihre Missionen
Die Liste der Deutschen im All ist kurz und zeigt zugleich, wie sich die Transportwege verschoben haben.
| Name | Mission | Einordnung |
|---|---|---|
| Sigmund Jähn | Sojus 31, 1978 | Erster Deutscher im All, im Rahmen des Interkosmos-Programms |
| Ulf Merbold | STS-9 (1983), Sojus TM-20 (1994) | Erster ESA-Astronaut im All, Flüge mit Shuttle und Sojus |
| Thomas Reiter | Euromir 95, ISS-Expedition 13/14 | Erste ESA-Langzeitmission auf der ISS |
| Alexander Gerst | Blue Dot (2014), Horizons (2018) | Beide Flüge mit Sojus, 2018 Kommandant der ISS |
| Matthias Maurer | Cosmic Kiss (2021/22) | Erster Deutscher, der mit einer Crew Dragon zur ISS flog |
Zum aktuellen europäischen Astronautenkorps gehören neben Gerst, Maurer, Samantha Cristoforetti, Luca Parmitano, Thomas Pesquet und Andreas Mogensen die 2022 ausgewählten Sophie Adenot, Pablo Álvarez Fernández, Rosemary Coogan, Raphaël Liégeois und Marco Alain Sieber. Die Namensliste führt die ESA auf ihrer Astronautenseite.

Der realistische Weg: Fachliche Qualifikation vor Sprache
Astronautenauswahlen finden in Europa in Abständen von rund einem Jahrzehnt statt, mit mehreren tausend Bewerbungen je Runde. Wer sich darauf ausrichtet, sollte die Grundqualifikation ernster nehmen als die Sprachfrage: ein abgeschlossenes MINT-Studium, mehrjährige einschlägige Berufserfahrung, gesundheitliche Eignung. Die Deutsche Raumfahrtagentur im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt beschreibt die Arbeitsfelder, in denen der weitaus größere Teil der Raumfahrtberufe liegt – Systemtechnik, Missionsbetrieb, Nutzlastentwicklung, Erdbeobachtung, Datenauswertung.
Welche Studiengänge dorthin führen, zeigt die Übersicht zu MINT-Studiengängen als Grundlage für technische Spezialberufe; die Einordnung in den größeren Zusammenhang liefert der Beitrag zum MINT-Fachkräftemangel und den Berufsperspektiven im MINT-Bereich. Wer noch am Anfang steht, findet mit dem dualen MINT-Studium einen Einstieg, der Praxis und Theorie verbindet. Für die Datenauswertung in Missionsbetrieb und Erdbeobachtung ist Programmierpraxis Alltag – ein Einstieg dazu steht im Beitrag zum Python-Grundwissen.
Auch abseits der ISS entstehen neue Einsatzfelder: Die kommerziellen Programme, die die NASA unter dem Stichwort Commercial Space bündelt, verlagern Transport und künftig auch Stationsbetrieb auf private Anbieter. Für Besatzungen dieser Fahrzeuge ist Englisch die Arbeitssprache.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich Russisch können, um mich als Astronaut zu bewerben?
Nein. Die ESA verlangt Englisch in Wort und Schrift; Russischkenntnisse werden als Vorteil, nicht als Voraussetzung genannt. Der Sprachunterricht ist Teil der Ausbildung nach der Auswahl.
Warum wird Russisch dann überhaupt unterrichtet?
Russisch ist die zweite Arbeitssprache an Bord der ISS. Das russische Segment wird von einem eigenen Kontrollzentrum betreut, seine Dokumentation und Beschriftung sind auf Russisch. Für den sicheren Betrieb und für Notfallprozeduren müssen Besatzungsmitglieder damit umgehen können.
Hat die Crew Dragon die Sojus abgelöst?
Nicht vollständig. Seit November 2020 fliegt die Crew Dragon im Regelbetrieb, die Sojus wird weiter eingesetzt. NASA und Roskosmos tauschen seit 2022 Sitzplätze, sodass auf beiden Fahrzeugtypen gemischte Besatzungen fliegen.
Welches Studium führt zur Astronautenlaufbahn?
Die ESA nennt Abschlüsse in Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften oder Medizin, dazu mindestens drei Jahre einschlägige Berufserfahrung oder entsprechende Flugstunden. Luft- und Raumfahrttechnik ist hilfreich, aber nicht vorgeschrieben.
Wie lange dauert die Ausbildung nach der Auswahl?
Grundausbildung, Aufbauausbildung und missionsspezifisches Training dauern je etwa ein Jahr. Die ESA gibt an, dass Astronautinnen und Astronauten rund die Hälfte ihrer Laufbahn in Ausbildung verbringen.